Am Samstag, 04.02.2012, fuhr ich wieder mit der Bahn und las folgendes Buch, das ich mir aus der Bücherei hier am Ort ausgeliehen hatte:

==Das Mädchen meines Herzens==

Autor: Buddhadeva Bose

Verlag: Ullstein

ISBN-Nummer: 978-3-550-08813-1

Seitenzahl: 186 Seiten

Am 29. September 2010 erschien dieses Buch in einer Hardcoverausgabe zu 18 Euro in Deutschland.

Am 9. Dezember 2011 erschien das Buch als Taschenbuchausgabe im List-Verlag. Die Taschenbuchausgabe kostet 8,99 Euro.

Mir liegt die Hardcoverausgabe des Buches vor.

Das hier vorliegende Buch ist bereits in der Originalsprache Bengalisch (Anmerkung: Bengalisch ist Amtssprache im Land Bangladesh) unter dem Titel „moner mato meye“ im Jahre 1951 in Kalkutta (Indien) erschienen. Übersetzt wurde die deutsche Ausgabe von Hanne-Ruth Thompson, die auch ein Nachwort und ein Glossar für das Buch geschrieben hat.

==Über den Autor Buddhadeva Bose==

Buddhadeva Bose war ein indischer Autor, geboren 1908, gestorben 1974. Er galt als einer der wichtigsten bengalischen Autoren des 20. Jahrhunderts (Anmerkung: Bengalen ist eine historische Region in Südasien, die sich auf die heutigen Gebiete von Bangladesh als auch die einige indische Bundesstaaten erstreckte – Quelle: Wikipedia.de).

 Buddhadeva Bose schrieb viele Romane, Theaterstücke, Essays, Erzählungen, Gedichte und Essays. Auch gab er eine wichtige Lyrikzeitschrift heraus und war Gründer der ersten Fakultät für vergleichende Literaturwissenschaften an einer Universität in Kalkutta. Er reiste  viel ins Ausland und hielt Vorlesungen an amerikanischen Universitäten.

Ebenfalls übersetzte er einige Werke von Hölderlin, Rilke und Baudelaire ins Bengalische.

==Leseprobe==

Zu diesem Buch gibt es mehrere, vom Verlag genehmigte, Leseproben im Internet. Eine dieser Leseproben findet man unter folgendem Link:

http://www.brigitte.de/producing/briwoman/pdf/maedchen.pdf

==Vier Männer erzählen sich die Geschichten ihrer ersten Liebe – oder: die Handlung==

In einer eiskalten Nacht sind Passagiere in einem Zug unterwegs. Doch auf einmal kann der Zug nicht weiterfahren. Die Passagiere müssen in einem Warteraum auf einem Bahnhof in einer indischen Kleinstadt auf ihre Weiterfahrt warten. Darunter sind vier Männer. Sie sind müde und frieren. Ein junges Liebespaar, das nur kurz im Warteraum ist, ändert jedoch die Situation. Die vier Männer kommen auf die Idee, sich Liebesgeschichten zu erzählen – um sich die Wartezeit auf die Weiterreise zu verkürzen.

Sehr ausschmückend erzählt jeder der vier Herren Geschichten einer Liebe, entweder selbst erlebt oder Geschichten, die andere Leute erlebt haben. Jeder tut es in der Ich-Form. Und immer, wenn einer der Herren seine Geschichte zu Ende erzählt hat, urteilen die anderen Herren darüber und versuchen, die Quintessenz des Gehörten herauszufinden.

===Die traurige Geschichte von Makhanlal===

Im Kapitel „Die traurige Geschichte von Makhanlal“ kommt ein Bauunternehmer zu Wort. Er erzählt von Makhanlal. Dieser stammt aus Kalkutta und ist Fabrikant. Als einziger seiner Familie hat er studiert und einen Universitätsabsschluss. Aber seine große Liebe, die Nachbarstochter Subhodrababu, kann er nicht heiraten. Ihr Vater, der verarmte Professor Subhodru, ist dagegen. Für ihn ist Makhanlal kein standesgemäßer Ehemann.

Dennoch hilft Makhanal später einmal dem Professor und seiner Tochter aus der Patsche…

===Gagan Barans Geschichte===

Im nächsten Kapitel „Gagan Barans Geschichte“ erzählt der Beamte Gagan Baran, was er vor Jahren erlebte. Er stammt aus Bengalen, lebt aber in Delhi, In seiner Jugend las er Liebesromane – bemerkte aber bald, dass diese nicht die wahre Liebe, wie sie in Realität ist, widerspiegeln.

In seiner Jugend beeindruckten ihn am meisten die Begegnungen mit Pakhi. Pakhi, ein Mädchen, das er zuerst traf, als sie 14 Jahre alt war. Sie machte immer sehr zutreffende Bemerkungen über die Liebe, über die Gagan Baran lange nachdenken musste und die er als äußerst lehrreich empfand – auch als er längst schon mit einer anderen Frau verheiratet war. Immer wieder begegnete er ihr. Auch, als beide schon älter sind – und beide verheiratet sind und Familie haben – treffen sie sich…

===Doktor Abanis Heirat===

Im dritten Kapitel „Doktor Abanis Heirat“ berichtet Doktor Abani eine Geschichte, die er erlebt hat. Als Arzt wird er zu Bina gerufen, als sie einen verstauchten Knöchel hat. Deswegen kann sie bei einem Theaterstück, in dem sie mitwirkt, nicht auftreten.

Bald merkt er, dass Bina noch an einer anderen Krankheit leidet. Diese scheint viel schlimmer zu sein, hat sie doch einen lebensfrohen vitalen Menschen wie Bina zu einer depressiven Person gemacht. Doktor Abani will herausfinden, um welche Krankheit es sich handelt.

Eigentlich möchte Bina Romen heiraten, der sie aber nicht heiraten will. Binas Eltern wollen ihre Tochter jedoch unbedingt unter die Haube bringen. Sie haben einen Juristen für sie ausgewählt. Bina will den Juristen absolut nicht heiraten – und bittet Doktor Abani, ihr zu helfen…

===Der Monolog des Schriftstellers===

Der Schriftsteller, der wie der Bauunternehmer seinen Namen nicht verraten will, erzählt von seiner ersten großen Liebe im Jahre 1927. Er war befreundet mit zwei Jungs, namens Asit und Hitangschu. Sie wohnten alle in Dhaka im so genannten „Paltanviertel“.

Diese Jungs liebten nicht nur sich selbst – sondern alle drei waren auch noch in dasselbe Mädchen verliebt. Das Mädchen hieß Ontora, genannt Toru. Aber ihre drei „Fans“ nannten sie gerne „Mona Lisa“.

Asit, Hitangschu und der Schriftsteller himmelten Toru an und versuchten, so viel wie möglich über sie herauszufinden. Da man damals nicht viele Frauen in Dhaka sah, war Torus Anblick immer wieder etwas Besonderes. Eines Tages sollte sie heiraten – allerdings sollte es weder Asit, noch Hitangschu, noch der Schriftsteller sein. Sie heiratete einen Mann, namens Hirenbabu.

Eines Tages ging es Toru ziemlich schlecht – und alle mutmaßten, dass sie sehr krank sei…

====Glossar und Nachwort der Übersetzerin===

Im Glossar erklärt die Übersetzerin Hanne-Ruth Thompson einige indische und bengalische Begriffe, die im Roman vorkommen.

Im Nachwort erfährt der Leser etwas mehr über Hanne-Ruth Thompsen und ihre Liebe zur bengalischen Literatur und ihre Erfahrung damit. Sie erzählt den Lebenslauf des Autors Buddhadeva Bose. Außerdem teilt sie ihre Meinung zu dem Buch „Das Mädchen meines Herzens“ mit.

==Das Buch lässt sich schnell lesen – oder: meine Leseerfahrung==

Ich habe das Buch während einer Zugfahrt gelesen und hatte es innerhalb von 90 bis 120 Minuten durch. Die Schrift ist nicht zu klein, das Buch ist lesefreundlich gestaltet. Die Zeilenabstände sind eineinhalbzeilig.

Das Cover des Buches sieht gar nicht indisch aus. Ich sehe keine Frau mit Kopfbedeckung, die einen Punkt auf der Stirne trägt, so wie ich es bei Inderinnen schon gesehen habe. Das gemalte Coverbild könnte auch irgendwo in Europa sein.

Aber die gesamte Handlung spielt in Indien – oder einer Region, die einmal zu Indien gehörte. Dazu gehört ja auch das heutige Bangladesh, das – laut Wikipedia – mal Bengalen genannt wurde.

An die vielen indischen Namen musste ich mich bei der Lektüre gewöhnen. Es ist nicht leicht, sich diese Namen zu merken, wenn in ein- und derselben Geschichte beispielsweise die Namen Hironmoyi und Horinmati vorkommen.

Der Autor schreibt ausschmückend mit einigen Dialogen, und so fällt es mir leicht, mir in Gedanken die Handlung und die Schauplätze vorstellen zu können, obwohl ich noch nie in Indien war.

Das Glossar, das sich gleich an den Roman anschließt, finde ich sehr wichtig. Hier werden auch die Vornamen, die in dem Buch vorkommen, erklärt. Wer weiß denn schon, dass der weibliche Vorname „Pakhi“ „Vogel“ bedeutet? Oder „Ontora“ die Bedeutung „das Herz, das Innere“ bedeutet? Hier in Deutschland wissen das bestimmt wenige Leute – auch Indien-Urlauber erfahren solche Informationen garantiert nicht.

Wer hier romantische und erotische Liebesgeschichten sucht, sollte nicht zu diesem Buch greifen. Man erfährt nicht einmal von Küssen, die sich die beteiligten Leute geben. Aber man liest Geschichten, die trotzdem mit Liebe zu tun haben – Ereignisse, die das Liebesleben beteiligter Personen prägten, ihre Gedanken prägten, ihre Gefühle. Das ist faszinierend, das ist schön zu lesen.

Erst als ich das Nachwort der Übersetzerin Hanne Ruth Thompson las, wurde mir klar, dass ich hier ein sehr wichtiges Buch der bengalischen Literatur vor mir habe. Sie unterrichtet die Sprache Bengalisch in London und hat unter anderem eine neue bengalische Grammatik und ein bengalisches Wörterbuch verfasst. Ich merke, sie ist mit Fleisch und Blut Bengalisch-Übersetzerin – und absolut dafür geeignet, diesen Roman ins Deutsche zu übersetzen.

Im Nachwort legt sie auch klar und deutlich dar, wie wichtig es für sie ist, dass dieses Buch endlich in deutscher Sprache erschien und welchen Stellenwert der Autor Bose und sein Werk in der bengalischen Literatur des 20. Jahrhunderts haben.

Deswegen empfehle ich allen Lesern, zuerst dieses Nachwort zu lesen. Es ist wichtig und gehört zu diesem Buch. Ich habe erst nach der Lektüre des Nachworts gemerkt, dass ich bei diesem Buch eigentlich ein seltenes, literarisches Kleinod vor mir liegen habe. Warum? Dieses Buch gehört zur bengalischen Literatur – und bengalische Literatur ist selten. Nach dem ersten Lesen war dieses Buch lediglich eine Geschichte für mich – eine Rahmengeschichte in einem indischen Wartesaal mit vier Liebesgeschichten, von denen ich zwei nicht spektakulär fand. Wer in Deutschland beispielsweise würde die Geschichte mit Gagan Baran und Pakhi als Liebesgeschichte bezeichnen? Zwischen den beiden vollzog sich ja keine körperliche Liebe – es ging in der Geschichte eher um das, was Pakhi sagte und wie es das Leben von Gagan Baran weiterhin beeinflusste.

Als ich das Nachwort gelesen hatte, habe ich daraufhin das Buch ein zweites Mal gelesen und muss sagen, dass mir beim zweiten Lesen einige Dinge auffielen, die mir beim ersten Lesen entgangen waren. Man lernt dieses Buch wirklich schätzen, wenn man es mehr als einmal liest. So ging es mir.

Was die Liebesgeschichten anbelangt, so gefallen mir die des Doktor Abani und die des Schriftstellers am besten. Und zwar, weil sie Handlungen beschreiben, die mich innerlich bewegen, die mich zum Nachdenken bringen.

In der ersten Geschichte des Bauunternehmers über Makhanlal gefiel mir der Professor nicht, der darin vorkam. Und bei der zweiten Geschichte des Beamten Gagan Baran fasziniert mich zwar die Figur der Pakhi, jedoch auch nur am Anfang der Geschichte. Deswegen will ich für dieses Buch aber keine Punkte abziehen.

==Mein Fazit==

Wer sich für indische oder bengalische „leise“ Liebesgeschichten interessiert – also Liebesgeschichten, die zwar nicht erotisch und romantisch, aber gut geschrieben sind und zum Nachdenken anregen, dem sei das Buch „Das Mädchen meines Herzens“ wärmstens von mir ans Herz gelegt.

In mir hallt, in mir wirkt das Buch immer noch nach – und das wird es wohl noch lange tun. Ich werde es mir vorerst nicht kaufen, sondern wieder in der Bücherei abgeben. Sollte ich wieder den Wunsch verspüren, es lesen zu wollen, kann ich es wieder aus der Bücherei holen.

Ich vergebe dem Buch „Das Mädchen meines Herzens“ fünf Sterne und eine Leseempfehlung.

P.S.: Dieser Bericht erschien auch bei der Verbraucherplattform Ciao.de unter meinem dortigen Nicknamen „Sydneysider47“.

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