Liebe Leserinnen, liebe Leser,

heute stelle ich folgendes Buch vor:

==Zeugin der Toten==

Autorin: Elisabeth Herrmann

Verlag: List

Seitenzahl: 432 Seiten

Erscheinungsdatum in Deutschland: 2. März 2011

Dieses Buch ist bisher nur als Hardcoverausgabe erhältlich und kostet 19,99 Euro. Mir wurde das Buch von einer Bekannten zum Lesen ausgeliehen.

==Über die Autorin Elisabeth Herrmann==

Elisabeth Herrmann ist eine deutsche Autorin, die in Berlin lebt. Ihr Kriminalroman „Das Kindermädchen“ wurde für das ZDF verfilmt.

Weitere Bücher von ihr sind „Lilienblut“, „Die letzte Instanz“, „Die siebte Stunde“ und „Konstanze“.

==Ein Stück deutsch-deutsche Vergangenheit – oder: die Handlung==

Im Prolog bekommt das Kinderheim Juri-Gagarin in Sassnitz auf der Insel Rügen (damalige DDR) 1985 einen Neuzugang. Christel Sonnenberg heißt das kleine Mädchen, und sie hält in ihren zitternden Händen einen Monchichi (Anmerkung: das ist eine Plüschtier, das aussieht wie ein Affe mit einem Puppengesicht und besonders in den 1980er-Jahren sehr populär war).

Martha Jonas führt Christel in den Schlafraum – und Christel soll unter dem Namen „Judith Kepler“ aufgenommen werden. Warum denn? Martha stutzt, wird aber von der Heimleiterin Frau Trenkner und einem Mann, offensichtlich Mitglied der Stasi, gezwungen, einfach zu tun, was man ihr sagt. Denn wenn sie nicht gehorcht, wird sie Probleme bekommen, weil sie Westsender hört. Das Mädchen Judith müsse ganz besonders beobachtet werden, da sie verwirrt sei. Auch ihr „westliches Plüschtier“, den Monchichi, darf sie nicht behalten – sie soll ein DDR-Plüschtier, das so genannte „Tiemi“ bekommen.

Martha gehorcht – denn sie hat keine andere Wahl.

Die eigentliche Handlung beginnt Jahre später im Kapitel 1. Judith Kepler ist zu einer selbstbewussten Frau herangewachsen, die in Berlin als Cleanerin für eine Reinigungsfirma arbeitet. Cleaner – das sind Leute, die Wohnungen, in denen Leute gestorben sind, reinigen und wieder in Ordnung bringen. Im Rahmen dieser Tätigkeit gerät Judith in eine Wohnung, in der eine Frau ermordet wurde. In der Wohnung findet Judith eine Akte über sich – eine Akte aus Judiths Zeit aus dem Kinderheim Juri-Gagarin. Wie kam diese Frau, die Judith nie kannte, an Judiths Akte und warum wurde sie ermordet? Judith beginnt zu ermitteln – und wird zur Gejagten. Denn es gibt Leute, die ein Interesse daran haben, dass Judith nichts aus der Vergangenheit aufdeckt…

==Leseprobe==

Eine vom Verlag genehmigte Leseprobe findet man direkt auf der Homepage der Ullstein-Buchverlage. Einfach die Seite der Bücher des List-Verlags aufrufen und den Buchtitel oder den Namen der Autorin eingeben. Auf der Seite, auf der das Buch vom Verlag präsentiert wird, gibt es auch eine Leseprobe, die man sich als pdf-Datei herunterladen kann.

==Eine Frau sucht ihre Vergangenheit – oder: meine Leseerfahrung==

Auf das Buch wurde ich über „vorablesen.de“ aufmerksam. Besonders der Prolog – also das erste Kapitel mit der Überschrift „Kinderheim Juri Gagarin, Sassnitz (Rügen) 1985“ hatte es mir sehr angetan – und war ein Grund für mich, das Buch lesen zu wollen (in der auf der Verlagsseite eingestellten Leseprobe ist dieser Prolog nicht enthalten).

Ich wollte also wissen, wie die Geschichte weitergeht. Gerne hätte ich das Buch als kostenloses Leseexemplar gewonnen, aber das Glück war mir nicht hold.

Eine Bekannte von mir jedoch hatte Glück – und sie lieh mir das Buch aus. Danke, liebe I.! Das Buch konnte ich flüssig lesen. Es ist aus der Sicht des auktorialen Erzählers (also kein Ich-Erzähler) und in der Vergangenheit geschrieben – also genau, wie ich es mag.

Schon im Prolog war ich mittendrin in der Handlung. Ein kleines Mädchen, das auf einmal nicht mehr Christel, sondern Judith heißen soll. Warum das denn? Ein kleines Mädchen, das seinen Monchichi abgeben soll, weil das ein „Westspielzeug“ ist und man in der DDR kein Westspielzeug haben soll. Sie soll einen „Tiemi“ bekommen – also ein DDR-Spielzeug, von dem ich zum ersten Mal höre. Ich bin in Westdeutschland aufgewachsen und merke beim Lesen des Buches, dass über viele Dinge erzählt wird, von denen ich noch nie gehört habe.

Dieser Mix aus deutsch-deutscher Vergangenheit und spannender Story interessiert mich – und ist der Grund, warum ich das Buch lese. Weiterhin ist mir die Hauptperson Judith sympathisch. Warum musste sie als Kind den Namen Judith Kepler annehmen – und was ist mit der wirklichen Judith Kepler passiert? Was hat sie in dem Kinderheim erleben müssen und warum musste sie zehn Jahre dort verbringen? Judith ist auf der einen Seite ein empfindsamer Mensch, auf der anderen Seite sehr „abgebrüht“. Ihre Erfahrung als Cleanerin hilft ihr, in „brenzligen“ Situationen einen kühlen Kopf zu bewahren und Tatorte so zu säubern, dass keinerlei verräterische Spuren mehr vorhanden sind.

Judith recherchiert. Sie sucht nicht nur einen oder mehrere Mörder – sondern will wissen, was mit ihren Eltern passiert ist und warum sie zehn Jahre im Kinderheim sein musste. Damit begibt sich damit selbst in Gefahr. Denn es gibt Personen, die nicht wollen, dass die Vergangenheit nach außen gekehrt wird – dass die Untaten einiger Personen auf einmal ans Tageslicht gezerrt werden. Sie trifft auf Quirin Kaiserley, der offensichtlich Dinge aus ihrer Vergangenheit weiß – und nicht nur Judith, sondern auch ich als Leserin frage mich: kann Judith ihm trauen? Oder spielt er ein falsches Spiel mit ihr?

Die Handlung ist spannend und actionreich – und steuert auf einen Höhepunkt, einen richtiggehenden „Showdown“ hin, der die letzten circa 100 Seiten des Buches noch spannender machen. Beim Lesen leide ich mit der Hauptperson Judith mit, die nicht nur einmal Verletzungen davonträgt. Einige Rückblenden ins Jahr 1985, die immer wieder eingeflochten werden, stören mich nicht. Sie dienen dem besseren Verständnis der Zusammenhänge – und ich merke als Leserin, dass manche Sachverhalte ziemlich kompliziert sind. Aber nicht zu kompliziert. Ich kann sie als Leserin durchaus begreifen – und stoße auf ein Geflecht aus West- und Ostagenten zur Zeit des „Kalten Krieges“. Agenten, die auch in der Zeit, in der Judith recherchiert, noch existieren und nicht wollen, dass man ihre „Untaten von damals“ aufdeckt.

Vorhersehbarkeit kann ich diesem Kriminalroman ebenfalls nicht vorwerfen. Besonders gegen Schluss überrascht mich jedes Kapitel – weil wieder alle Vorstellungen, die ich mir aufgrund der vorhergehenden Handlung aufgebaut hatte, über den Haufen geworfen werden…

Die Autorin erklärt in einem Nachwort, dass sie viele Recherchen betrieben hat, um die nötigen Hintergrundinformationen für die Romanhandlung zu bekommen. Sie war in Sassnitz und Malmö unterwegs, sie kramte in Archiven und Ministerien und auch an anderen Orten, die interessantes Material offenbarten. Sie sprach auch mit Leuten, die sich auskennen – beispielsweise mit Mitarbeitern der Stasi-Unterlagenbehörde.

==Mein Fazit==

Der Kriminalroman „Zeugin der Toten“ von Elisabeth Herrmann ist ein spannendes Buch, das mich von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt hat. Nicht nur wegen der spannenden Handlung, sondern weil ich auch einige Dinge aus der deutsch-deutschen Geschichte erfahren habe, die ich vorher nicht wusste.

Ich vergebe fünf Sterne und eine Leseempfehlung!

ImageDiese Rezension ist bereits bei Ciao.de unter meinem dortigen Usernamen „Sydneysider47“ im April 2011 veröffentlicht worden.

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