Produktbild - eingestellt von Sydneysider47Im Dezember 2012 habe ich folgende Novelle gelesen:

 Advent im Hochgebirge

 Autor: Gunnar Gunnarsson

Verlag: Reclam

Seitenzahl: 103

ISBN-Nummer: 978-3150106044

In der Produktbeschreibung bei Ciao.de und diversen Online-Händlern wird „Advent im Hochgebirge“ als „Erzählung“ bezeichnet. Die Bezeichnung „Erzählung“ ist auch richtig, denn eine Novelle ist eine Erzählung, die eine kurze bis mittlere Länge aufweist (Quelle: Wikipedia.de).

 Die Hardcoverausgabe des Buches, die mir vorliegt, erschien im September 2006 in Deutschland. Das Buch hat einen blau-weiß-grün-silbernen Schutzumschlag und kostet 7,95 Euro in Deutschland. Es hat die Abmessungen 15,6 cm (Länge) und 9,8 cm (Breite) – ist also ein bisschen größer als ein Reclam-Taschenbuch.

 „Advent im Hochgebirge“ ist unterdessen auch wieder in der preisgünstigen gelben Reclam-Taschenbuchausgabe zu 3 Euro (Preis in Deutschland) lieferbar. Ich persönlich finde die Hardcoverausgabe hübscher, deswegen habe ich mir diese gekauft.

 Die Novelle „Advent im Hochgebirge“ selbst ist 82 Seiten lang.

 Auf den Seiten 83 bis 103 steht das Nachwort. Es bietet Informationen über die Novelle und den Autor Gunnar Gunnarsson in mehreren Aufsätzen, die vom isländischen Autor Jón Kalman Stefánsson verfasst wurden. Jón Kalman Stéfansson, geboren 1963, ist ein bekannter isländischer Autor, dessen Romane auch in deutscher Sprache erschienen sind.

Über den Autor Gunnar Gunnarsson

 Der isländische Autor Gunnar Gunnarsson lebte von 1889 bis 1975. Heute zählt er zu den wichtigsten isländischen Autoren des 20. Jahrhunderts. Viele seiner Werke verfasste er auf Dänisch, bevor sie dann in anderen Sprachen veröffentlicht wurden.

 Die Novelle „Advent im Hochgebirge“ beruht auf einer wahren Begebenheit, die sich 1925 in Island ereignete. Gunnar Gunnarsson las darüber in einer Zeitschrift und schrieb daraufhin „Advent im Hochgebirge“. Diese Novelle erschien 1936 zum ersten Mal in deutscher Sprache, 1937 auf Dänisch und 1939 auf Isländisch.

 Weitere Werke von Gunnar Gunnarsson sind „Nacht und Traum“ (1929) und „Der unerfahrene Reisende“ (1931).

 (Quellen: Amazon.de und Nachwort des Autors Jón Kalman Stefánsson)

Leseprobe

 Eine vom Verlag genehmigte Leseprobe kann ich im Internet nicht finden und deswegen auch keinen Link dazu angeben.

Die Handlung: Ein Mensch gegen die Naturgewalten

 Ein Knecht, namens Benedikt, macht sich im Advent auf ins isländische Hochgebirge, um dort verirrte Schafe zu retten. Er will ihnen Futter geben und sie anschließend ins Tal treiben, wo sie in Sicherheit sein werden. Benedikt wird begleitet von seinem Hund Leo und seinem Leithammel Knorz.

 Benedikt ist 54 Jahre alt und sieht in der Rettung verirrter Tiere vor Weihnachten, in der Adventszeit, eine Mission, die er schon seit 27 Jahren erfüllt.

 Diesmal hat er für 14 Tage Proviant dabei für sich und seine Tiere. Unterwegs macht Benedikt immer wieder Rast und bekommt Essen und Unterkunft von einigen Bauern.

 Was ihn bei seiner Mission, Tiere zu retten, aufhält, sind Menschen, die ihn unterwegs bitten, ihre Tiere einzufangen (obwohl sie das hätten selbst tun können), und ein Unwetter, das ihn, Leo und Knorz überrascht…

Leseerfahrung: Eine einfache Geschichte, die man nicht oft genug lesen kann

 Seit Oktober 2012 besuche ich einen Literaturkreis einer Volkshochschule im Landkreis Heilbronn. Wir treffen uns einmal im Monat und besprechen dann ungefähr zwei Stunden lang ein Buch, das wir vorher gelesen haben sollten. Im Dezember 2012 beschlossen wir, die Novelle „Advent im Hochgebirge“ zu lesen, die wir dann während unseres Treffens im Januar 2013 besprachen.

 Ich habe das Buch bisher dreimal gelesen. Nicht, weil wir im Literaturkreis vereinbart hatten, es zu lesen, und weil ich mir Notizen dazu machen wollte, sondern weil es mir sehr gut gefallen hat.

 „Advent im Hochgebirge“ hat die typischen Kennzeichen einer Novelle. Einige davon möchte ich herausstellen. So dreht sich „Advent im Hochgebirge“ nur um ein Thema – hier: Benedikts Wanderung mit seinen Tieren im Hochgebirge. Irgendwelche „Neben-Erzählstränge“, wie sie es in Romanen gibt, gibt es bei einer Novelle nicht. Und bei dieser auch nicht.

 Eine Novelle ist kurz oder mittellang und lässt sich innerhalb weniger Stunden lesen. Das trifft hier auch zu – in zwei Stunden oder weniger (je nach Lesezeit und Ruhe) kann die Lektüre von „Advent im Hochgebirge“ geschafft werden.

 Die Novelle „Advent im Hochgebirge“ ist in einfachem Stil, aber dennoch liebenswert und ausschmückend geschrieben. Dadurch wird für Benedikt Sympathie vermittelt. Man fühlt als Leser/in mit Benedikt mit. Benedikt ist ein Mann, der in einfachen Verhältnissen lebt. Er ist Knecht auf einem Bauernhof, er ist herzensgut, genügsam und tierlieb. Und da er so ist, wie er ist, sieht er es als seine Mission an, einmal im Jahr Urlaubstage, Kraft und Geld für Proviant zu investieren, um verlorene Tiere im Hochgebirge zu retten.

 Der einfache Schreibstil schafft es, mich als Leserin, aber auch andere Leser in den Bann zu ziehen (wir haben im Literaturkreis darüber gesprochen). Viele Ereignisse rund um Benedikt werden sehr ausführlich beschrieben. So erfährt der Leser einiges darüber, wie es Abend wird oder auch, wie sorgfältig Benedikt eine Proviantration mit seinen Tieren Leo und Knorz teilt. Auch über Benedikts Angst, dass er länger unterwegs sein wird, als er geplant hatte.

 Es gibt kaum Fremdwörter in dieser Novelle, es gibt einige Dialoge, aber auch indirekte Rede. Kein Ich-Erzähler ist vorhanden, die Erzählzeit ist die Vergangenheit (Imperfekt). Es gibt keine Fremdwörter, aber viele Ausschmückungen, bei denen man sich gut die Landschaft im Hochgebirge Islands und die Zeit, in der diese Novelle spielt (1920er-Jahre in Island) vorstellen kann und die Ereignisse rund um Benedikt.

 Was mir an dem Buch auch gut gefällt, ist, dass keinerlei ordinäre Ausdrücke darin vorkommen. Es gibt keinerlei Schimpfwörter.

 Der Vorname Benedikt kommt von dem lateinischen Ausdruck „bene dicere“, das heißt übersetzt „wohl sagen“. Und „Benedikt“ heißt „der Gesegnete“. „Der Gesegnete“ – das passt zu diesem Hauptcharakter, denn man spürt oft eine heilige Atmosphäre während der Lektüre. Es gibt beispielsweise eine Szene, während derer Benedikt bedauert, den Gottesdienst in „seiner“ Kirche nicht besuchen zu können und sich vorstellt, wie der Gottesdienst ablaufen könnte. Das ist so wunderbar beschrieben! Dennoch würde ich „Advent im Hochgebirge“ nicht als religiöses Buch bezeichnen. Eine solche Szene will zeigen, dass Benedikt gläubig ist und ihm sein Glauben hilft, mit den Situationen im schneereichen Hochgebirge fertig zu werden.

 Im Zentrum einer Novelle steht ein außergewöhnliches Ereignis – und nur ein einziges. Im Falle von „Advent im Hochgebirge“ ist es das aufziehende Unwetter, das Benedikt und seine Begleiter in Gefahr bringt. Wie und ob Benedikt und seine Tiere es schaffen, trotz des Unwetters ins Tal zu kommen, interessiert den Leser – und ist ein Grund, die Novelle zu Ende zu lesen.

 Interessant fand ich ebenfalls die Zahlensymbolik, die in dieser Novelle vorkommt – und auf die ich beim Lesen nie gekommen wäre. Auch im Nachwort ist von dieser Zahlensymbolik nichts zu lesen.

 Im Literaturkreis haben wir über diese Zahlensymbolik gesprochen. So sind beispielsweise drei Gestalten im Hochgebirge unterwegs: Benedikt, Leo und Knorz. Die Zahl 3 hat mehrere Bedeutungen – beispielsweise ist sie die Zahl der Dreieinigkeit (Vater, Sohn und Heiliger Geist), steht aber auch für die „drei Mondgöttinnen“, die in manchen Kulturen als Schicksalsgöttinnen gelten.

 Auch die Zahl 27 hat eine besondere Bedeutung. Benedikt ist jetzt 54 Jahre alt. Zwei mal 27 ergibt 54, und es handelt sich bereits um Benedikts 27. Wanderung im Advent zur Rettung verirrter Tiere.

Mein Fazit

 Die Novelle „Advent im Hochgebirge“ von Gunnar Gunnarsson habe ich sehr gerne gelesen. Sie ist nicht nur als Lektüre für die Weihnachtszeit geeignet, sondern generell eine gut zu lesende Lektüre für den Winter. Durch die Atmosphäre im Hochgebirge kommen zwar „winterliche Gefühle“ auf, aber keine weihnachtliche Stimmung.

 Das Buch ist für Literaturkreise gut geeignet, da man hier nicht nur die Handlung, sondern auch die Kennzeichen einer Novelle und auch die Zahlensymbolik besprechen kann. Wer das Buch liest, ohne einen Literaturkreis zu besuchen, wird an „Advent im Hochgebirge“ ebenfalls Gefallen finden, weil es kurz und nicht kompliziert verfasst ist.

 Erwähnen sollte ich auch das informative und ansprechend verfasste Nachwort des Autors Jón Kalman Stéfansson, das ebenfalls hilfreich ist, diese Novelle und die Beweggründe von Gunnar Gunnarsson, sie zu schreiben, besser zu verstehen.

 An diesem Buch werden sowohl Frauen, als auch Männer ihre Freude haben. Es ist ein Buch, das man immer wieder lesen kann.

 Ich vergebe 5 von 5 Sternen und empfehle „Advent im Hochgebirge“ weiter.

P.S.: Diese Rezension habe ich bereits im Januar 2013 bei der Verbraucherplattform Ciao.de unter meinem dortigen Usernamen „Sydneysider47“ eingestellt.

 

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