Liebe Leserinnen, liebe Leser,

heute möchte ich ein Buch der belgischen Autorin Amélie Nothomb vorstellen:

Im Namen des Lexikons

Autorin: Amélie Nothomb
Verlag: Diogenes
Die Hardcover-Ausgabe erschien in Deutschland 2003, die Taschenbuchausgabe erschien 2004 (Quelle: Amazon.de)
ISBN-Nr. : 978-3257063448
Preis: momentan 3,67 Euro bis 16,90 Euro bei Verkäufern von Amazon-Marketplace (Quelle: Amazon.de)
Seitenzahl: 148 Seiten
Schrift/Zeilenabstand: eineinhalbzeilig, die Schrift ist groß – aber kein Großdruck.

Wer ist Amélie Nothomb?
Amélie Nothomb ist die Tochter eines belgischen Diplomaten – sie wurde 1967 in Kobe (Japan) geboren und wuchs in Japan und China auf. Heute lebt sie abwechselnd in Brüssel und in Paris.

In Frankreich erreicht jedes ihrer Bücher Millionenauflagen, bei uns ist die Autorin nicht sehr bekannt. Ihr Buch „Antéchrista“ ist zur Zeit Sternchenthema fürs Französisch-Abitur an Gymnasien in Baden-Württemberg.

Worum geht es in dem Buch?

Lucette ist schwanger – und erschießt den Vater ihrer Tochter, weil dieser dem Kind einen ganz normalen Namen geben will. Lucette hat sich nämlich in den Namen „Plectrude“ vernarrt, den sie in einem alten Lexikon des 19. Jahrhunderts gefunden hat. Sie denkt, dass ihr Kind – aufgrund dieses Namens – ein interessantes Leben führen wird.

Lucette kommt in Haft, die kleine Plectrude wird geboren – und Lucette nimmt sich im Gefängnis das Leben. Das Baby Plectrude kommt zu Lucettes Schwester Clémence und ihrem Mann Denis und wächst dort mit deren Kindern Nicole und Béatrice auf.

Plectrude wächst heran und weiß lange nicht, dass ihre leiblichen Eltern tot sind. In der Schule läuft es nicht immer so, wie es Plectrude lieb wäre. Mathematik ist ein Problem für sie, aber durch einen Intelligenztest erweist sich, dass Plectrude hochintelligent ist. Dennoch bleibt sie weiterhin Außenseiterin. In der Schule verliebt sie sich in Mathieu, der sie aber gar nicht wahrnimmt…

Plectrude wird Tänzerin – und, als sie erfährt, dass sie dank vieler Hungerkuren ihre Gelenke so strapaziert hat, dass sie nie wieder wird tanzen können, bricht für sie eine Welt zusammen….

Leseprobe
Eine vom Verlag genehmigte Leseprobe kann ich im Internet nicht finden und deswegen auch keinen Link zu einer solchen Leseprobe angeben.

Wie fand ich das Buch?/meine eigene Leseerfahrung
Ich habe schon einige Bücher von Amélie Nothomb gelesen – bisher aber immer in der Originalsprache Französisch. Ich mochte ihre Bücher „Stupeur et tremblement“ (mit Staunen und Zittern“ und „Adam et Eve“ (dieses Buch kam erst kürzlich in der deutschen Übersetzung auf den Markt – der deutsche Titel ist: „Der japanische Verlobte“) sehr gerne – in beiden erzählt sie über eine junge Frau aus Europa, die in Japan arbeitet.

Was mich an der Autorin Amélie Nothomb auch immer erstaunt, ist die Tatsache, dass sie als Belgierin so hohe Verkaufserfolge mit ihren Büchern in Frankreich erzielen kann – man sollte vielleicht wissen, dass die Belgier ansonsten bei den Franzosen nicht so gut angesehen sind – und umgekehrt. Es gibt in Frankreich Belgierwitze, über die sich die Franzosen vor Lachen ausschütten. Die Belgierin Amélie Nothomb und ihre Bücher werden von den Franzosen jedoch sehr geschätzt.

Es war also für mich selbstverständlich, dass ich – als ich wieder unserer Bücherei hier am Ort einen Besuch abstattete – das Buch „Im Namen des Lexikons“ mitnahm. Das Buch lässt sich schnell und flüssig lesen, was sicherlich auch den vielen Dialogen zu verdanken ist.

Auf den Seiten 5 bis 20 passiert unglaublich viel in dem Buch – die Autorin rast mit einem unglaublichen Tempo durch die Handlung, und ich war als Leserin zuerst einmal fast „aus der Puste“ vor so vielen Ereignissen: da wird Lucette schwanger, erschießt den Vater ihres Kindes, bringt eine Tochter im Gefängnis zur Welt, verfügt, dass sie „Plectrude“ heißen möge, und erhängt sich wenig später.

„Wow“, dachte ich, „wenn die Handlung so schnell voranschreitet in 15 Seiten, dann ist Plectrude nach 147 Seiten vielleicht schon Ur-Urgroßmutter mit 30 Enkeln und Urenkeln?“

Aber nein, Amélie Nothomb bremst die Handlung ab – die Teenagerzeit ist die Periode im Leben von Plectrude, auf die die Autorin den Focus legt. Mit zehn entdeckt Plectrude eine Faszination, als sie einen liegenden Schneemann spielt. Sie ist begeistert davon, im kalten Schnee zu liegen und immer mehr eingeschneit zu werden, überall von Schnee umgeben – und fast nicht mehr selbst befreien zu können. Ihre Freundin Roselyne, die einen stehenden Schneemann spielt, erkennt im letzten Moment die Gefahr, in der Plectrude schwebt, und befreit sie aus ihrem Gefängnis.

Plectrude beginnt eine Leidenschaft dafür zu entwickeln, sich in Gefahren zu begeben – sie springt beispielsweise auf die Straße, kurz bevor ein Lastwagen an ihr vorbeifährt – und hat ihre Rettung vor dem Überfahren-Werden nur ihrer geistesgegenwärtigen Freundin Roselyne zu verdanken, die sie wieder auf den Gehweg zerrt.

Mir gefielen beim Lesen folgende Sätze besonders gut, mit der Plectrude ihr Eingeschlossensein im Schnee als liegender Schneemann beschreibt:
„Ich habe mich im Park dem Schnee hingegeben, ich habe mich unter ihn gelegt, und er hat eine Kathedrale um mich errichtet; ich habe ihn langsam die Mauern aufbauen gesehen, dann die Deckengewölbe, ich war die liegende Figur mit einer Kathedrale für mich ganz allein; und dann haben die Pforten sich geschlossen, und der Tod ist mich holen gekommen; er war zuerst weiß und sanft, dann schwarz und gewalttätig, er wollte sich meiner bemächtigen, als mein Schutzengel in letzter Sekunde gekommen ist, um mich zu retten.“

Solche Sätze, solche Handlungen von Plectrude hielten mich an dem Buch, machten mich neugierig auf den weiteren Verlauf von Plectrudes Leben – Plectrude ist sympathisch, auch wenn sie hochintelligent ist, so bleibt sie immer Außenseiterin. Und, als sie einen Jungen trifft, in den sie sich verliebt, weil er eine Narbe im Gesicht hat, die sie fasziniert, hofft man für sie, dass sie endlich ihr Glück findet. Doch der Junge lehnt sie zuerst ab….

Der Schluss des Buches hat mir einerseits gefallen – aber auch andererseits etwas ärgerlich gemacht. Plectrude trifft die Autorin Amélie Nothomb, und ich dachte beim Lesen: „Ach, die Autorin kennt dieses Mädchen und hat deren Geschichte in einen Roman gepackt“ – aber nein, dann gibt es eine Schlussepisode zwischen Plectrude und Amélie Nothomb, die ich abstrus und merkwürdig und unglaubwürdig finde – und ich frage mich immer noch: warum hat die Autorin eine solche Episode überhaupt in dieses Buch gepackt? Ich habe darüber mit einer Französin gesprochen, die in Heilbronn wohnt und die Bücher von Amélie Nothomb sehr schätzt. Sie sagte zu mir, dass Amélie Nothomb dafür bekannt sei, dass sie gegen Ende ihrer Romanhandlungen oft eine Übertreibung hineinbringt – bei der sich die Leser erschreckt und verdutzt fragen: „Musste das jetzt sein?“

Bild
Meiner Meinung nach ist „Im Namen des Lexikons“ nicht das beste Buch von Amélie Nothomb. Wer sich mit der Autorin und ihren Werken befassen will, sollte zuerst „Mit Staunen und Zittern“ lesen – das ist ein glaubwürdiges und gutes Buch, auch mal humorvoll, ein nicht zu langes Buch, in dem man auch einiges über den Büroalltag in einer japanischen Firma erfährt.

„Im Namen des Lexikons“ empfehle ich nur Lesern, die schon einige Bücher von Amélie Nothomb gelesen haben und weitere Werke von ihr lesen wollen.

Ich bin froh, dass ich mir dieses Buch nicht gekauft habe, sondern es in der Bücherei wieder zurückgeben kann. Ein zweites Mal lesen werde ich dieses Buch garantiert nicht.

Von mir also eine eingeschränkte Leseempfehlung und drei von fünf Sternen!

P.S.: Diese Rezension habe ich in ähnlicher Form bereits 2010 beim Verbraucherportal Ciao.de unter meinem dortigen Usernamen „Sydneysider47“ veröffentlicht.

 

 

 

 

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