Produktbild von Adelheid 15092014_kleinSchon seit einigen Jahren besuche ich einen Französisch-Konversationskurs der Volkshochschule (VHS) im Landkreis Heilbronn. Ich möchte meine mühsam erworbenen und jahrelang gepflegten Französischkenntnisse (ich habe unter anderem Abitur in Französisch gemacht und bin von Beruf fremdsprachliche Wirtschaftskorrespondentin für Französisch) nicht vergessen.
Wir unterhalten uns im Konversationskurs nicht nur auf Französisch über Land und Leute und wiederholen die Grammatik, sondern lesen auch französische Literatur.
Vor einigen Wochen habe ich folgendes Buch gelesen:

Tuer le père
Autorin: Amélie Nothomb
Verlag: Albin Michel, Paris
Erscheinungsjahr in Frankreich: 17. August 2011
ISBN-Nummer: 978-2-253-17415-8
Seitenzahl: 130 Seiten

Das Buch liegt mir als Taschenbuch vor und kostet in Frankreich 5,90 Euro. Wer das Buch in Deutschland kaufen will, kann das beispielsweise bei Amazon.de tun. Dort kostet das Buch 8,05 Euro, kann aber auch als Kindle-Book zu 6,99 Euro für den Amazon-Kindle-Reader gekauft werden.

Ist dieses Buch auch in deutscher Sprache erhältlich?
Die Werke von Amélie Nothomb erscheinen auch in deutscher Sprache – und zwar im Diogenes-Verlag.
Die deutsche Übersetzung des Buches „Tuer le père“ heißt „Den Vater töten“ und ist als Diogenes-Taschenbuch für 9,90 Euro seit 24. Juli 2013 im Buchhandel erhältlich.

Über Amélie Nothomb
Amélie Nothomb ist eine belgische Autorin, die 1967 in Kobe (Japan) geboren wurde. Ihr Vater war belgischer Diplomat – unter anderem in Japan.
Ihr erster Roman „Mit Staunen und Zittern“ (französischer Titel „Stupeur et tremblement“) machte sie über Nacht in Frankreich berühmt. Seitdem erreicht jedes ihrer Bücher vor allem in Frankreich Millionenauflagen.
Das Ziel von Amélie Nothomb ist es, Romane zu schreiben, die nicht zu umfangreich sind. Ihre Bücher umfassen meistens 120 bis 150 Seiten.
In Deutschland gilt die Autorin immer noch als Geheimtipp. Ihr Buch „Antéchrista“ (deutscher Titel: „Böses Mädchen“) war hier in Baden-Württemberg „Sternchenthema“ für das Französisch-Abitur.

Das Verhältnis zwischen Joe und Norman – oder: die Handlung
Das Buch beginnt 2010. Im Prolog begibt sich die Autorin Amélie Nothomb zu einem Treffen von Magiern und Zauberern in Paris.
An einem Pokertisch fallen ihr ein jüngerer und ein älterer Magier auf. Der jüngere Magier heißt Joe Whip, ist ungefähr 30 Jahre alt. Er spricht nicht und lacht nicht – dennoch hat er eine so starke Ausstrahlung, dass alle Anwesenden ihn beobachten.
Alle? Nein. Ein älterer Magier, der ungefähr 50 Jahre alt ist, würdigt ihn keines Blickes. Sein Name ist Norman Terence.
Amélie Nothomb möchte wissen, warum sich diese beiden Männer offensichtlich aus dem Weg gehen. Sie lässt sich deren Geschichte von einigen Trinkern an der Bar erzählen.
Joe Whip wuchs in Reno im US-Bundesstaat Nevada auf. Seine Mutter Cassandra erzählte ihm immer, dass sein Vater sie verließ, als Joe geboren wurde. In Wirklichkeit hatte Cassandra so viele wechselnde Männerbeziehungen, dass sie nicht wusste, von welchem dieser Männer sie schwanger geworden war. Kein Mann wollte lange bei ihr bleiben, worüber sie sehr traurig war.
Eines Tages hielt der Liebhaber Joe Senior Einzug bei Joe Whip und seiner Mutter. Ständig gerieten Joe Senior und Joe Whip aneinander – bis Cassandra ihren Sohn bat, aus der Wohnung auszuziehen. Joe Whip war gerade erst 14 Jahre alt und nahm sich ein preisgünstiges Zimmer in Reno. Er beschloss, nicht mehr die Schule zu besuchen – die ihm, seiner Meinung nach, nichts brachte. Dafür hatte er sein Talent für die Zauberei entdeckt und trat nachts als Zauberer in Bars und Hotels auf. Mit dem Trinkgeld, das er für seine Auftritte bekam, hielt er sich über Wasser. Manchmal wurde er auch zum Essen eingeladen.
Als Joe 15 Jahre alt war, traf er einen Mann in einer Bar. Dieser Mann erzählte Joe, dass er – Joe – die besondere Gabe habe, ein großer Magier zu werden. Diese Gabe müsse man allerdings trainieren. So geriet Joe an Norman Terence. Norman und seine Freundin Christina nahmen Joe bei sich zu Hause in Reno auf. Sie behandelten ihn so, als sei er ihr eigener Sohn. Auch Joe fühlte sich wohl – so, als habe er zum ersten Mal eine eigene Familie.
Während Norman Joe zeigte, wie man ein guter Magier wird, verliebte sich Joe in Christina. Sie war 30 Jahre alt, Norman dagegen schon 40. Joe versuchte, mit Blumengeschenken Christinas Herz zu erobern.
Norman zeigte Joe, wie man mit Feuerfackeln jongliert. Auch Kartentricks lernte er.
Christina arbeitete immer wieder als Feuertänzerin. Ein Höhepunkt im Jahr, in dem sie zeigen konnte, wie gut sie darin war, war das „Burning-Man“-Festival. Joe wünschte sich sehnlichst, eines Tages beim „Burning-Man-„Festival dabei sein zu dürfen. Dazu müsse er mindestens 18 Jahre alt sein, sagten im Christina und Norman. Der Grund für diese Altersbegrenzung war, dass man während dieses Festivals Psychopharmaka und Drogen zu sich nahm – was Minderjährigen natürlich nicht gestattet war.
Und so wuchs in Joe der Wunsch, schnell 18 Jahre alt zu werden, zum „Burning-Man“-Festival fahren zu dürfen – und dort, nach Einnahme einiger Drogen, endlich das Herz und den Körper Christinas zu erobern…

Schreibstil und weitere Besonderheiten des Buches
Das Buch ist vorwiegend aus der Perspektive des auktorialen (allwissenden) Erzählers geschrieben. Der Prolog und der Epilog – also das erste und das letzte Kapitel – bilden eine Ausnahme – sie sind aus der Sicht der Ich-Erzählerin Amélie Nothomb erzählt, die sich auf einem Magiertreffen in Paris aufhält.
Wenn ich die Grammatik und den Wortschatz betrachte, würde ich das Buch Lesern empfehlen, die vier bis fünf Jahre Französisch gelernt haben, einen relativ großen französischen Wortschatz haben und das „Passé Simple“ beherrschen. Man sollte wissen, dass circa 98 % aller französischen Romane in dieser Vergangenheitsform verfasst werden. Es ist eine Zeit, die in der Schriftsprache vorkommt – und nicht in der gesprochenen Sprache, auch nicht in der Geschäftssprache und nicht in Zeitungsartikeln.
In Romanen, die im Passé Simple verfasst sind, begegnet man beispielsweise Ausdrücken, wie „il mangea“ – statt „il mangeait“ – für „er aß“. Oder „ils entrèrent“ – statt „ils entraient – für „sie traten ein“. Man muss schon mit dem Passé Simple vertraut sein, um viele französisch geschriebene Romane durchhalten zu können…
Wer ein französisches Taschenbuch kauft, dem wird auffallen, dass es vom Format her kleiner ist als deutsche Taschenbücher. Dabei dachte ich immer, die EU, der sowohl Deutschland als auch Frankreich angehören, hätte für alles Normen verabschiedet – auch für eine einheitliche Größe von Taschenbüchern. Das ist offensichtlich nicht der Fall.
Ich finde die französischen Taschenbücher immer sehr praktisch – denn sie passen auch in ziemlich kleine Handtaschen und sind vom Gewicht her leicht.
Ich erwähne noch, dass es im Buch „Tuer le père“ immer wieder Leerseiten gibt. Endet ein Kapitel auf einer rechten Seite, so ist die folgende linke Seite mmer leer – also unbedruckt. Das folgende Kapitel fängt also auf einer rechten Seite an.

Meine Leseerfahrung und Meinung zu dem Buch „Tuer le père“
„Tuer le père“ war nicht das erste Buch von Amélie Nothomb, das ich las. Ich habe schon einige Bücher von ihr gelesen (manche in der deutschen, manche in der französischen Fassung), die ich sehr gut bis befriedigend fand.
Was ich an Frau Nothombs Büchern schätze, ist, dass sie kurz sind – manchmal recht humorvoll (z.B. „Stupeur et tremblement“), manchmal skurril (z.B. „Im Namen des Lexikons“), aber auch lehrreich und zum Nachdenken anregend (z.B. „Antéchrista“).
Das Buch „Tuer le père“ habe ich gelesen, weil ich wieder einmal ein französisches Buch lesen wollte und mir das Buch von unserer VHS-Kursleiterin ausgeliehen wurde.
Ich habe keinen Krimi erwartet – obwohl der Buchtitel „Den Vater töten“(Tuer le père) auch auf einen Krimi hindeuten könnte. Aber ich weiß, dass Frau Nothomb keine Krimis schreibt.
Gut an dem Buch ist, dass nur drei Personen darin vorkommen, die wirklich wichtig sind: Joe, Norman und Christina. Gut ist auch, dass sich das Buch sehr gut lesen ließ. Meine Französischkenntnisse sind gut bis sehr gut – und ich habe auch gelernt, den Inhalt von Büchern erfassen zu können, ohne jedes Wort nachschlagen zu müssen, das ich nicht kenne. Manche unbekannte Wörter erschließen sich aus dem Zusammenhang.
Einige wichtige Wörter habe ich schon nachgeschlagen – „tricher“ zum Beispiel, das heißt „tricksen“ (also: falsch spielen, betrügen). Dieses und wenige andere Wörter waren wichtig für mich, um die Handlung komplett zu verstehen.
Die Sätze sind nicht lang und verschachtelt, sondern in für mich normaler Länge abgefasst, so dass ich auch hier kaum Probleme beim Lesen und Erfassen des Inhalts hatte.
Ein Problem hatte ich mit den Figuren. Joe war mir nicht sympathisch und im Laufe der Lektüre wurde er mir noch unsympathischer. Warum vergeudet er sein Leben damit, Methoden zu ersinnen, um Norman dessen Frau Christina auszuspannen?
Ein weiteres Problem hatte ich mit der Handlung. Warum schreibt Frau Nothomb einen Roman, der in der Magier-Welt spielt? Mir hätte eine andere Umgebung, in der die Handlung spielt, besser gefallen. Irgendetwas „Normales“ – Norman und Joe hätten ja auch in einem Büro arbeiten und miteinander auf Geschäftsreise gehen können.
Norman fand ich sympathischer als Joe – und Christina, die ich ebenfalls mag, bleibt in der Handlung etwas „blass“, also unbedeutend. Die Geschichte dreht sich vorwiegend um das Verhältnis von Joe und Norman.
Merkwürdig fand ich auch, dass Joes leibliche Mutter Cassandra ihren Sohn, als er erst 14 Jahre alt war, bat, auszuziehen. Was ist denn das für eine Rabenmutter? An ihrer Stelle hätte ich dann den Liebhaber Joe Senior vor die Tür gesetzt, bevor ich den Sohn vor die Tür setze!
Da mich weder Handlung, noch die Personen absolut überzeugten, habe ich das Buch nur gelesen, weil ich wieder einmal ein französisches Buch lesen wollte. Und dieses hier ist kurz, das werte ich als Vorteil.
Die Lektüre von „Tuer le père“ fand ich befriedigend. Ich habe schon wesentlich bessere Bücher von Frau Nothomb gelesen. Der Schluss ist für mich überraschend und war nicht vorhersehbar. Aber dennoch bleibt „Tuer le père“ kein Buch, das mich positiv berührte, das mich zum Nachdenken brachte. Der Charakter Joe ist für mich noch unsympathischer geworden, und das, was Norman zum Schluss tut, finde ich sehr merkwürdig.

Mein Fazit
„Tuer le père“ von Amélie Nothomb ist ein Buch in französischer Sprache, das man lesen kann, wenn man mindestens vier bis fünf Jahre Französisch gelernt hat und das Passé Simple beherrscht. Es ist ein Roman aus der Magier-Welt, der mich vom Thema her und auch von den Personen her nicht besonders begeistern konnte.
Ich vergebe drei Sterne für das Buch und bleibe bei einer Weiterempfehlung unentschlossen.
P.S.: Diese Rezension erschien vor einigen Monaten bereits bei der Verbraucherplattform Ciao.de, bei der ich unter dem Usernamen „Sydneysider47“ unterwegs bin und Berichte schreibe.

Advertisements