Liebe Leserinnen, liebe Leser,

folgende Rezension erschien im November 2015 auf der Verbraucherplattform Ciao.de.  Leider ist Ciao.de seit Februar 2018 endgültig Geschichte. All meine Berichte, die ich dort verfasst habe, sind weg. Auch dieser. Deswegen habe ich ihn wieder „ausgegraben“ und veröffentliche ihn jetzt auf dem WordPress-Blog der „Verrückten Leseratten“.

Im Literaturkreis der Volkshochschule in einem Ort im Landkreis Heilbronn befassen wir uns mit Literatur, die Menschen geschrieben haben, die irgendwann nach Deutschland eingewandert sind. Wir möchten erfahren, wie diese Menschen ihr Leben in Deutschland und die Deutschen denken.

Deswegen haben wir im Herbst 2015 auch folgendes Buch gelesen:

Berlin liegt im Osten

der russischen Autorin

Nellja Vermej.

Wie mir das Buch gefallen hat, liest man jetzt.

Kurzinformationen zu dem Buch „Berlin liegt im Osten“

Erscheinungstermin in Deutschland: 17. Juli 2015

Verlag: Aufbau-Taschenbuch-Verlag (ATB)

ISBN-Nummer: 978-3746631226

Seitenzahl: 318 Seiten

Das Buch erschien zuerst als Hardcoverausgabe. Mir liegt die Taschenbuchausgabe vor, die im deutschen Buchhandel  9,99 Euro kostet.

Über Nellja Vermej:

Nellja Vermeij wurde 1963 in der Sowjetunion (heute heißt ein Großteil der damaligen Sowjetunion Russland) geboren. Sie studierte an der Universität in Leningrad (heute heißt diese Stadt Sankt Petersburg).

Seit 1994 wohnt sie in Berlin. Sie ist dort als Altenpflegerin, Russischlehrerin, Journalistin und Literatin tätig.

Leseprobe:

Weder auf der Homepage des Verlags, noch beim Internet-Versandhändler Amazon.de kann ich eine vom Verlag genehmigte Leseprobe finden. Deswegen kann ich auch keinen Link zu einer Leseprobe angeben und werde deswegen näher auf den Schreibstil eingehen.

Schreibstil:

Das Buch ist aus der Ich-Perspektive verfasst. Die Ich-Erzählerin ist Lena, die Hauptperson. Ereignisse, die gerade in ihrem Leben passieren, beschreibt sie im Präsens (Gegenwart). Es gibt auch einige Rückblenden in dem Buch – beispielsweise, wenn Lena Ereignisse erzählt, die während ihrer Kindheit und Jugend im Kaukasus passiert sind.

Das Buch zeichnet sich durch viele ausschmückende Beschreibungen aus. Auch gibt es Dialoge, die allerdings nicht durch Anführungszeichen gekennzeichnet sind.

Die Handlung – in meinen Worten:

Lena arbeitet als Altenpflegerin in Berlin. Vor einigen Jahren ist sie mit ihrem Mann Schura und der gemeinsamen Tochter Marina vom Kaukasus (Russland) nach Deutschland gekommen und dort geblieben.

Von ihrem Mann ist sie getrennt, Marina lebt bei ihr. Während Lenas Deutsch noch nicht perfekt ist, beherrscht ihre Tochter sowohl Deutsch als auch Russisch hervorragend. Sie ist beliebt in der Schule, sie ist integriert und soll später einmal Filmentwicklerin werden.

Lena erzählt dem Leser von ihrer Arbeit als Altenpflegerin. Sie wird von ihrer Chefin in Altenheime und Wohnungen geschickt, um sich um alte Menschen zu kümmern. Sie pflegt Herrn Struck, der stirbt. Sie feiert Weihnachten und Silvester mit Herrn Ulf Seitz. Ein gutes Verhältnis haben dieser ältere Mann und seine Altenpflegerin. Sie feiern Weihnachten miteinander. Später führt er sie durch Berlin und erklärt ihre die Stadt. So lernt sie, die Stadt mit seinen Augen sehen. Allmählich droht ihr Verhältnis zu Herrn Seitz Grenzen zu überschreiten, die es nicht überschreiten soll…

Immer wieder lässt Lena Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend im Kaukasus einfließen. In Leningrad hat sie Lehramt studiert. Würde sie aber den Beruf als Lehrerin ausüben, würde sie sich selbst als Versagerin deklarieren. Deswegen nimmt sie eine Arbeit bei der amerikanischen Wohltätigkeitsorganisation CARE an.

Auch das Leben von Ulf Seitz wird beleuchtet. Die Nachkriegszeit hat er als kleiner Junge erlebt. Schreckliche Dinge passieren. Beispielsweise musste er mitansehen, wie russische Soldaten auf Frauen mit Kindern schießen. Dann wollte eine Familie, die mit ihm und seiner Mutter befreundet war, bei Verwandten  untertauchen. Aber diese Verwandten waren nicht mehr am Leben, sie sahen schrecklich aus, als man sie im Keller fand.  

Ulf und andere Jungen werden einmal von russischen Soldaten beauftragt, Leichen wegzuräumen.

Mit seiner Mutter wohnte Ulf Seitz alleine. Um vor Belästigungen durch andere Männer sicher zu sein, zog ein russischer Leutnant mit in die Wohnung. Dieser Leutnant war Ulf suspekt, er floh zu einer Nachbarin, während der Leutnant der Mutter Avancen machte. Der Leutnant zog bald weg – aber der Zettel, dass er dort wohnen würde, blieb an der Türe. Und dieser Zettel schützte Ulf und seine Mutter vor Belästigungen.

1959 heiratet er Dora. Fünf Jahre später brachte sie den gemeinsamen Sohn Marius auf die Welt. Sie wohnten in der DDR. Die Familie hatte es gut in der DDR, denn sie waren Befürworter des dort herrschenden kommunistischen Systems.  Doch auch in der DDR gab es einige Schicksalsschläge…

Meine Meinung zu dem Roman:

Beim Lesen merkte ich bald: Dieser Roman ist autobiographisch. Die Autorin schreibt viel, was sie selbst erlebt hat.

Die Sprache ist ausschmückend – viele Wendungen gefallen mir. Beispielsweise wenn sie Berlin als „märkisches Ninive an der Spree“ bezeichnet. Die Autorin hat eine Sprache, die ich so noch nicht gelesen habe – sie malt Bilder mit Worten, und es macht Freude, so etwas zu lesen.

Ein Problem habe ich allerdings mit dem Buch. Es ist nicht spannend und lässt sich oft nur zäh lesen. In der Mitte des Buches droht die Handlung, in Richtung Trivialliteratur abzuschweifen. Zum Glück bekommt die Autorin dieses „Problem“ in den Griff, und gegen Schluss wird das Buch nochmals sehr interessant.

Immer wieder gibt es furchtbare Beschreibungen in dem Buch. Tote, verstümmelte Menschen nach dem Krieg beispielsweise. Dann ein kleiner Hund, den Lena besaß, als sie in St. Petersburg studierte. Eines Tages musste sich der Hund übergeben – und starb dann. Solche Dinge berühren mich – ich frage mich oft, ob ich solche Szenen überhaupt lesen will. Andererseits ist das wirklichkeitsnah – der Krieg war grausam, und die Nachkriegszeit war es ein Stückweit auch.

Außerdem muss man sich bei der Lektüre konzentrieren, da die Autorin zwischen den Erzählzeiten hin und her springt. Mal schreibt sie über Berlin, mal über den Kaukasus – einige Male musste ich schauen, dass ich nicht durcheinanderkomme.  Das Buch ist zwar in Kapitel gegliedert – aber innerhalb der Kapitel gibt es immer wieder diese Zeitsprünge.

Da ich das Buch allerdings für den Literaturkreis lesen musste, habe ich mich an einem Nachmittag hingesetzt und viele Seiten des Buches gelesen. Das hat dazu geführt, dass mir das Buch besser gefiel, weil ich mich länger mit der Handlung befassen konnte.

Es gibt mehrere Konflikte in dem Buch. Den Mutter-und-Tochter-Konflikt zwischen Lena und Marina beispielsweise. Oft scheint es so, dass Marina auf ihre Mutter aufpasst – sie in die Wirklichkeit zurückholt, wenn sie zu sehr abdriftet.

Dann gibt es den Konflikt zwischen Lena und Schura. Schura ist ein Hallodri mit einigen verrückten Ideen, für deren Umsetzung er Geld braucht, das er aber nicht bekommt. Weiterhin gibt es den Konflikt zwischen Lena und Ulf Seitz – und einige Ereignisse, die ihre Tätigkeit als Altenpflegerin übersteigen. Es gibt noch weitere Konflikte – beispielsweise einen zwischen Ulf und seiner Frau Dora. Darauf will ich aber nicht eingehen, um nicht zu viel zu verraten.

Nachdenklich hat mich das Buch gemacht, nachdenklich lässt es mich nach dem Lesen zurück – und es hallt noch einige Tage nach. Interessant war auf jeden Fall zu lesen, wie eine Russin versucht, hier in Deutschland Fuß zu fassen. Wirklich angekommen ist Lena in Deutschland noch nicht – sie geht in russische Läden, trifft russische Freunde. Aber sie will auch nicht wieder zurück in den Kaukasus ziehen – dazu liebt sie Berlin zu sehr.

Merkwürdig ist, dass mir keine der in dem Buch vorkommenden Figuren so richtig sympathisch war. Lena fand ich okay (Note: befriedigend), aber bei der Schilderung mancher ekelhafter Vorgänge (beispielsweise den Hund, der sich übergeben musste) wurde sie mir regelrecht unsympathisch.

Mein Fazit:

Der Roman „Berlin liegt im Osten“ schildert Episoden aus dem Leben der Russin Lena, die nach Berlin gezogen und dort als Altenpflegerin tätig ist. Sie versucht, sich zu integrieren – und merkt, dass das  ihrer Tochter weitaus besser gelingt als ihr.

Da das Buch oft zäh zu lesen ist und in der Mitte fast in Kitsch abdriftet, ziehe ich einen Stern ab.

Ich vergebe also vier von fünf Sternen und empfehle dieses Buch weiter.

Links zu weiteren lesenswerten Berichten von mir:

Erfahrungsbericht zu dem Duschgel „Frangipani“ von Rossmann:

Erfahrungsbericht über die Fluggesellschaft „Air Malta“:

Erfahrungsbericht über die Weinstube „Sonne“ in Lauffen:

Erfahrungsbericht über die Veranstaltung „Noch mehr neue Bücher“ am 16.11.2018 in der Bücherei in Lauffen:

Erfahrungsbericht über das Restaurant „Ratskeller“ in Heilbronn:

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